Das "TAGEBUCH" des Künstler: "Leo Maillet, Bilder Skizzen und Notizen eines Frankfurter Malers"

1994      "Leo Maillet, Bilder Skizzen und Notizen eines Frankfurter Malers" 
               Edition Erasmus,  Mainz, Vorwort von E. L. Schulz

 

95 Seiten, 137 Abbildungen


Leo Maillet
Bilder skizzen und Notizen eines Frankfurter Malers

Der Künstler Leo Maillet schrieb sein bewegendes Tagebuch aus der Retrospektive. Seit seinem 75. Lebensjahr hielt er in Notizen fest, was ihm selbst zu den wichtigsten Stationen seines Lebens unvergessen blieb, trug zusammen, was nicht in Vergessenheit geraten sollte. Überraschend präzise in seiner Erinnerungsfähigkeit, spontan und treffsicher in seinen Formulierungen, vergegenwärtigt er dem Leser die Dramatik seines Schicksals. Humor und Eigensinn kennzeichnen den Lebenskünstler, der nicht nur von seinem Werk, sondern auch von seinem Leben und Erleben her verstanden werden will - was sich wiederum in seinem Werk niederschlägt. So sind die zahlreichen Fotos und Werkreproduktionen in diesem Buch nicht nur Dokumentation der Familiengeschichte, sondern auch wortloser Kommentar der jeweiligen Schaffensperiode Maillets. Seine Aufzeichnungen lassen die Umstände der Entstehung seiner Werke erahnen, helfen, sie verständlich zu machen. Notizen und Bilder kommentieren sich gegenseitig.
Eine Kontinuität war Leo Maillet in seinem Schaffen nicht vergönnt: Zwischen den beiden Weltkriegen wurde mehrfach ein Großteil seines Werks zerstört, doch immer wieder wagte er den Neubeginn. Trotz der großen Verluste, hinterließ er ein in künstlerischer Ausdrucksweise reiches und an Techniken vielfältiges Œuvre, in dem neben Aquarell, Malerei und Collage die Graphik vorherrscht.

Leo Maillet wurde 1902 in Frankfurt am Main geboren. Als Beckmann-Schüler absolvierte er sein Studium an der Kunstakademie Städel in seiner Geburtsstadt. Durch den plötzlichen Tod seines Vaters im Jahr 1932 und die 1933 sofort einsetzende Verfolgung wurde seine künstlerische Laufbahn jedoch zunächst jäh unterbrochen. Die folgende, zwölf Jahre dauernde Emigration nach Frankreich und die damit verbundenen abenteuerlichen Überlebensstrategien finden ihren Ausdruck in Leo Maillets Kunst. Nach dem Krieg, 1945, wagte er einen Neubeginn in der Schweiz und wählte seinen Wohnsitz in Verscio (Tessin), wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1990 lebte.
Leo Maillets Œuvre läßt sich keiner Kunstrichtung eindeutig zuordnen. Seine Werke sind Spielformen von Expressionismus und Surrealismus, aber dennoch eigenständig und gerade deshalb interessant und bemerkenswert; sie spiegeln eine Epoche und ein zeitbedingtes Schicksal.
Das Buch, das um Biographie und Familiengeschichte, historische Erläuterungen und bibliographische Angaben erweitert wurde, ist mehr als ein „illustriertes Tagebuch“ - vor uns liegt ein überaus lesenswertes, spannend geschriebenes Zeitdokument.



Befürwortung meines „nachträglichen“ Tagebuches


Wenn ich meine Bilder, Kriegszeichnungen und Kafka-Illustrationen meinen Schülern, Freunden und Sammlern zeigte und erzählte, wie das eine oder andere Bild oder ein „Scherzo“ durch Erlebtes, Intuition, Phantasie oder auf Grund eines Materialfundes entstanden ist, sagte man mir jeweils einmütig: „Das darf nicht in Vergessenheit geraten. Du mußt das aufschreiben.“

So begann ich zu schreiben. Allmählich entstanden meine „Notizen“. Ich gab ihnen den Titel „Nachträgliches“, um so mehr, als Nichtvergessen und nachtragende Erinnerung zwei meiner wesentlichsten Charakterzüge darstellen: Den Verrätern den Galgen, den Hilfsbereiten ein Denkmal. Hier sei bemerkt, daß ich mich für die vielen bereitwilligen Hilfeleistungen, das Verstecktwerden und manch anderes mehr, nie – nachträglich – bedanken konnte, weil ich aus Vorsicht keinen Namen oder Ort notiert hatte, um bei einer etwaigen Verhaftung oder einem Verhör niemanden zu belasten.

Diese nachträglichen Notizen sind eine Ergänzung zu meinem malerischen und graphischen Werk. Dieses ist durch die Umstände nicht umfangreich geworden, aber durch die Notizen wird über mein Schaffen Wesentliches ausgesagt.

Meine frühesten Bilder und Radierungen von 1920 – 1940 sind in drei Intervallen zerstört worden. Später, zwischen 1940 und 1945, ist vieles in den Wirren des Drôle de guerre“ und in der Zeit „Entre chien et loup“ verlorengegangen. Mit fast 50 Jahren begann ich von neuem! Die Niederschrift „Nachträgliches“ entsteht seit meinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr. Meine Söhne ersehen daraus, wie sich mein Leben zwischen Miseren, Glücksfällen und Wunderartigem abgespielt hat.


                 





                      Verscio-Pedemonte-Tessin 1980
















Aus der Familiengeschichte der
Frankfurter Bürgerfamilie Mayer

von Ernst Ludwig Schulz
 

Als Leopold Mayer am 29. 3. 1902 in Frankfurt geboren wurde, zählte das damalige Frankfurt am Main zu den reichsten Städten Deutschlands. Es war die Zeit der wertvollen Goldmark, mit der man sich etwas leisten konnte, und sowohl die Frankfurter Läden der Innenstadt als auch die kulturellen Einrichtungen nebst den gesellschaftlichen Veranstaltungen spiegelten die gute friedliche Zeit vor dem 1. Weltkrieg wider.

Hier wuchs der kleine Leopold heran. Sein Vater Eduard Mayer, Frankfurter Bürger, betrieb selbständig ein gut florierendes Damenhutgeschäft. Er belieferte Kunden im ganzen Deutschen Reich, bezog im großen Stil aus dem böhmischen Gablonz den Modeschmuck und dazu aus Frankreich Hutstumpen und Schmuckfedern, die er dann zu den Hutkreationen der damaligen Zeit zusammenfügte und gut verkaufen konnte. Bei der Geburt seines Sohnes Leopold war dieses Geschäft schon in der Schäfergas-se 18 in unmittelbarer Nähe der Frankfurter Zeil etabliert, und hier blieb es bis zu seinem Tode im Jahre 1932. Telefonnummer (2448) und Postscheckkonto-Nummer waren damals für ihn schon eine selbstverständliche Einrichtung. Er war als Vorstand und Kassenwart in angesehenen Frankfurter Vereinen tätig, um nur die große Karnevalsgesellschaft Frankfurt am Main und den Frankfurter Ruderclub 1884 (2. Vorsitzender) zu nennen. Später engagierte er sich in der Frankfurter Turngemeinde als Fechter.

Die Familie Mayer gehörte dem jüdischen Glauben an, und die für Eduard Mayer zuständige Synagoge stand am Börne-platz. Zu dieser Zeit war die jüdische Religion in Stadt und Staat gleichberechtigt neben dem katholischen und protestantischen Glauben, und es gehörte zur Selbstverständlichkeit, daß der Religionsunterricht in den Schulen in allen drei Religionen erteilt wurde. Diese Friedensidylle erhielt ihren ersten schweren Rückschlag bei Ausbruch des 1. Weltkrieges. Eduard Mayer war wie alle Frankfurter Bürger ein guter Patriot und legte einen Großteil seines Barvermögens in Kriegsanleihen an, die im Jahre 1918 nicht mehr das Papier wert waren, auf dem sie gedruckt wurden und dies just in dem Augenblick, als Leopold Mayer sechzehnjährig seine gute Schulausbildung auf dem liberalen Philantropin, einer jüdischen Lehranstalt, abgeschlossen hatte und sich anschickte, eine Berufsausbildung zu erhalten. Die bereits bekannte künstlerische Begabung schien den Eltern nicht sicher genug,

so wurde ihm zunächst eine kaufmännische Lehre in dem weltbekannten Frankfurter Textilhaus „Spitzen Strauß“, Börsenstraße 2, und im Anschluß daran eine kurze Banklehre zuteil. Anschließend unterstütze Leopold seinen Vater in den schwierigen Zwanziger Jahren im Geschäft. Im Jahre 1923, nach dem Ende der Inflation, konnte er seine künstlerische Ausbildung endlich beginnen, zunächst auf der Kunstgewerbeschule unter dem Lehrer Fay und kurz darauf in der Graphikklasse des Städels bei dem berühmten Professor F. K. Dellavilla. Hier lernte er von Grund auf die Techniken der Graphik und der Druckerei. Dieses technische Studium, unterbrochen von wenigen Studienabstechern nach Paris und ins Tessin, dauerte insgesammt fünf Jahre. 1930 wurde Leopold in die Meisterklasse von Max Beckmann aufgenommen.

Schon im Jahre 1931 feierte Leopold Mayer seinen ersten großen Triumph, als er von der Stadt Frankfurt den neugeschaffenen Goethe-Kunstpreis für sein Werk „Uferstraße am Main“ erhielt. Das Jahr 1932 war sowohl für die Stadt Frankfurt als auch für Leopold Mayer von

besonderer Bedeutung, wurde es doch zum Goethe-Jahr erklärt, und trotz der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, konnten viele bedeutende Veranstaltungen durchgeführt werden. Frankfurt stand damals im Mittelpunkt des internationalen kulturellen Geschehens. Es seien nur unter anderem die Namen Prof. Dr. Albert Schweitzer, Träger des Frankfurter Goethe-Preises 1928, Alfred Döblin, Kasimir Edschmid, Ricarda Huch, Heinrich Mann, Thomas Mann, Alfons Paquet, Fritz von Unruh und Leopold Ziegler genannt, die im Goethe-Jahr alle ihren persönlichen Beitrag in Frankfurt am Main leisteten. Mitten in dieser Aufbruchstimmung von Kunst und Kultur, während der Leopold Mayer an vielen Veranstaltungen selbst teilnahm, ereilte ihn ein sehr einschneidendes und trauriges Ereignis. Nach einer Gallenoperation starb im Juni 1932 sein Vater Eduard Mayer. Der junge Künstler stand nun allein auf sich gestellt. Das Textilgeschäft funktionierte in der Krise 1932 schlecht, und außerdem belastete ihn die Sorge um die Mutter.

Frau Elisabeth Mayer, geborene Nathan, stammte aus dem Darmstadt-Hessischen Gau-Algesheim. Ihre Familie war sehr lange in dem kleinen rheinhessischen Winzerstädtchen ansässig. Die Eltern betrieben dort in der Weingasse 25 eine gutgehende Metzgerei. Obwohl jüdischen Glaubens waren sie jedoch keine koscheren Metzger, so kann angenommen werden, daß auch diese Familie mehr dem liberalen Judentum angehörte. Hier im kleinen Gau-Algesheim, am Fuße des Jakobsberges mit dem Blick auf das Binger Loch, das Niederwald-Denkmal und das Kloster Eibingen, fand der kleine Leo schon früh seine zweite Heimat bei den Großeltern. Auch die Mutter, die erst durch ihre Heirat nach Frankfurt gekommen war, hing mit ganzem Herzen an ihrer Geburtsstadt, und die Familie verbrachte jede freie Minute im Heimatort der Mutter.

Am 30. Januar 1933 ging plötzlich für Leopold Mayer, nunmehr einunddreißig-jährig, mehr als nur eine bürgerliche Epoche zu Ende. Bereits im Mai 1933 wurde während der Bücherverbrennung auf dem Römerberg auch ein Teil seiner Werke als entartete Kunst vernichtet. Er gehörte über Nacht zu den Verfehmten, mit denen man nichts mehr zu tun haben wollte. Das galt sowohl für seine berufliche Laufbahn als Künstler als auch im privaten Bereich des Frankfurter Ruderclubs, bei dem er früher der gefragte leichtgewichtige Steuermann im Vierer war, und selbstverständlich auch bei den Fechtern, wo er sich angeschickt hatte, in die Fußstapfen seines Vaters und seiner Familie zu treten. Auch der berühmten Verwandten Helene Mayer, der achtzehnjährigen Goldmedaillengewinnerin im Fechten bei der Olympiade in Amsterdam, ging es ebenso. Leopold mußte sich kurzfristig entschließen, Deutschland zu verlassen. Begleitet wurde er von seiner jungen protestantischen Verlobten, deren Vater aufgrund des verhängnisvollen Gesetzes zum Schutz von Volk und Staat vom 28. 2. 1928, unterzeichnet von dem greisen Feldmarschall und Reichspräsidenten von Hindenburg, als Sozialdemokrat verhaftet wurde. Die beiden Brautleute reisten nach Luxemburg, Belgien, Holland und England, schließlich gingen sie nach Frankreich.

Für Leopold war es ausichtslos, in einem dieser Länder eine Arbeitserlaubnis

zu finden. 1935 kehrte er kurz nach Deutschland zurück und nahm mit seiner Mutter, die zwischenzeitlich die Wohnung in der Frankfurter Herderstraße 38, wo sie über dreißig Jahre gewohnt hatte, aufgeben mußte und im elterlichen Haus in Gau-Algesheim Quartier gefunden hatte, an einer Familienkonferenz teil. Er machte seinerzeit den Vorschlag, den Gau-Algesheimer Besitz zu verkaufen und gemeinsam im Schweizer Tessin, wo im Augenblick die Grundstücke günstig zu erwerben seien, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Die Familie nahm seine wohlüberlegten und gutgemeinten Ratschläge nicht ernst. Im Jahre 1938, unter dem Druck der Verhältnisse, mußte man den Gau-Algesheimer Besitz verkaufen, und zwar für ganze 8000 Reichsmark, wovon nur 4000 ausgezahlt wurden und die Mutter Leopolds mit 1000 Reichsmark wieder nach Frankfurt wechselte, wo sie nach kurzer Zeit ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Haushaltshilfe bei jüdischen Familien verdienen mußte. Leopold hatte in der Zwischenzeit Berufsverbot im Deutschen Reich, verlor seine deutsche Staatsbürgerschaft und ging endgültig nach Paris. Er war staatenlos, was seine Position in Paris ungeheuer erschwerte. Erst 1938 konnte er seine Verlobte Margarete Hoess heiraten, da man den beiden vorher die Heiratspapiere aus Deutschland verweigert hatte. Beruflich versuchte Leopold Mayer mit fotografischen Arbeiten seinen Unterhalt zu verdienen, zwischendurch war er immer wieder künstlerisch tätig und fertigte in dieser Zeit eine Vielzahl von Radierungen und Aquarellen.

Mitten in dieser Phase der wieder beginnenden künstlerischen Erfolge brach der 2. Weltkrieg aus, Leopold meldete sich freiwillig und wurde in einer Arbeitskompanie in St. Nazaire beschäftigt. So blieb ihm die erste Internierung, die viele deutsche Emigranten traf, in dem berühmt berüchtigten Hypodrom in Paris erspart. Mit dem Waffenstillstand 1940 verschlechterten sich die Lebensumstände des Ehepaares Mayer noch einmal drastisch. Margarete wurde in das schlimme Konzentrationslager von Gurs gebracht – Leopold gelang es jedoch, sie von dort zu befreien. Anschließend durchquerten sie auf der Flucht ein halbes Jahr lang Südfrankreich, immer in der Angst, bei einer Razzia entdeckt und interniert zu werden. Schließlich erhielten sie vom Präfekten von Arles die Erlaubnis, sich in St. Rémy de Pro-vence niederzulassen. Im Herbst 1942 ging auch dieses Refugium verloren, als Leopold durch Denunziation von der Vichy-Gendarmerie verhaftet und an die deutsche Besatzungsmacht ausgeliefert wurde.

Zwei Monate dauerte der Aufenthalt in den Konzentrationslagern Les Milles bei Aix en Provence und Rivesaltes bei Perpignan bis er nach Auschwitz deportiert werden sollte. Einem ungeheuren Glückszufall war es zu verdanken, daß im Güterwagen kurz vor Paris eine Dachluke aufsprang und Leopold Mayer, schmal und grazil von Gestalt, durch die Luke vom fahrenden Zug springen konnte. Nun begann eine unglaubliche Odysee. Unter schwierigsten Bedingungen gelang ihm die Flucht in die Cevennen, wo er als Hirte versteckt ein Jahr leben konnte.

Er mußte jedoch erneut flüchten, als das unbesetzte Frankreich ebenfalls durch die deutschen Truppen eingenommen wurde.

Einem weiteren Glücksumstand ist es zu verdanken, daß er zwischenzeitlich seine Frau wiedergefunden hatte, so daß sie gemeinsam mit gefälschten Papieren in einem deutschen Transportzug die Schweizer Grenze erreichen konnten, die sie dann am 29. Januar 1944 bei St. Julien/Genf überschritten. Das Ehepaar war nun in Sicherheit, wurde aber erneut von Schweizer Behörden interniert und mußte in Arbeitslagern in Montreux und Tschiertschen einfache Arbeiten verrichten. Zwischenzeitlich war der Gestapo in Paris das gesamte künstlerische Werk mit 100 Kupferplatten und 200 Bildern, die Arbeit vieler Jahre, in die Hände gefallen und wurde ebenfalls vernichtet. Nach 1945 erhielt das Ehepaar Mayer von der jüdischen Flüchtlingshilfe ein kleines Stipendium und konnte sich auf der Baseler Gewerbeschule weiterbilden, was die Aufenthaltserlaubnis einschloß.

Während der Zeit, in der Leopold im Untergrund und verfolgt in Frankreich lebte, bestand keinerlei Verbindung mehr zu seiner Mutter in Frankfurt. Unter bedrückenden Verhältnissen lebte sie zunächst in der Gaustraße 41, später in der Jahnstraße. Sie mußte den gelben Judenstern tragen, durfte keine Veranstaltungen besuchen, sich in Frankfurts Anlagen auf keine Parkbank setzen und kein öffentliches Verkehrsmittel benutzen. In ihre Ausweispapier wurde ein „J“ gestempelt, und sie durfte nur in wenigen Juden vorbehaltenen Geschäften einkaufen. Sie erhielt Lebensmittelkarten mit Hungerrationen.

Im Jahre 1941 wurde sie in das Frankfurter Ghetto Quinkestraße 19 zwangsumgesiedelt. Am 19. November 1941 erteilte sie ihrer Schwägerin Lina Mayer Vollmacht über das letzte wertvolle Stück aus ihrem Besitz: „Die Eselsgruppe“ von Paul Gratz, die bei einer Frankfurter Kunstgalerie deponiert war. Zwei Tage später wurde Frau Elisabeth Mayer mit 922 Leidengenossen von der Rampe der Frankfurter Großmarkthalle aus in Richtung Riga deportiert. Die Nachforschungen haben ergeben, daß alle Menschen aus diesem Zug in einem Waldstück vor Riga umgebracht wurden. Leopold erhielt erst im Jahre 1953 durch seine Tante Lina in Amerika Kenntnis von dem Schicksal seiner geliebten Mutter und mußte beim Frankfurter Amtsgericht ihre Todeserklärung beantragen.

An die Frankfurter Bürgerfamilie Mayer jüdischen Glaubens erinnert heute nur noch ein einfacher Grabstein auf dem jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße, wo Vater Eduard Mayer im Juni 1932 bestattet wurde.

Für Leo Maillet – er hatte in der Zwischenzeit seinen Namen geändert – begann in der Schweiz ein neues Leben. Nach der Scheidung von seiner Frau Margarete geborene Hoess lebte und arbeitete er an vielen Orten in der Schweiz. 1956 heiratete er seine zweite Frau Regina geborene Lippl, eine Münchnerin und Tochter des Intendanten des Bayrischen Staatstheaters. Noch im selben Jahr wurde sein Sohn Daniel und ein Jahr später sein Sohn Nikolaus geboren. Auch von seiner zweiten Frau trennte sich Leo Maillet. Im Verscio/Tessin baute er 1964 ein Haus mit Atelier und wurde seßhaft. Es folgten Jahre des intensiven Schaffens.

Nach seinem Tode im Jahre 1990 begannen die beiden Söhne den Nachlaß ihres Vaters zu ordnen, dabei entdeckten sie noch weitere Bilder und Skizzen, die ihr Vater auf der Flucht unter Lebensgefahr gefertigt und irgendwie vor dem Verlust gerettet hatte.

Daniel und Nikolaus ist es zu verdanken, daß das Tagebuch in seiner jetzigen Form erstmalig zur Veröffentlichung kommen kann. Leo Maillet selbst erzählt darin in Wort und Bild den tragischen Lebenslauf eines begnadeten Künstlers in den stürmischen Zeiten des 20. Jahrhunderts.

Angesichts der Dramatik dieses Schicksals, das uns erschüttert und bewegt, müssen wir uns immer wieder die gleiche bange Frage stellen:

Wie war das alles möglich?
Oder müssen wir heute schon abwandeln:
Wie ist das alles möglich?
 

Dieses Tagebuch Leo Maillets gehört in die Hand der jungen Generation.

 
 
Frankfurt am Main, im August 1994
 
Ernst Ludwig Schulz